Der Streik am Uniklinikum Essen

Seit Ende Juni haben an den Unikliniken Düsseldorf und Essen hunderte Beschäftigte gestreikt. Ende August haben sie ihren Streik mit einem Teilerfolg beendet. 

Alexandra Willer vom Uniklinikum Essen

Seit mehreren Jahren hat man gespürt, dass bei uns viele den Personalmangel, die Überlastung und unmöglichen Arbeitszeiten nicht mehr ertragen können. In diesem Streik ist die bislang eher ohnmächtige, individuelle Wut zum ersten Mal in Entschlossenheit umgeschlagen in die Entschlossenheit, gemeinsam etwas dagegen zu unternehmen. Entsprechend war auch die allgemeine Forderung: Mehr Personal und Entlastung für alle!

Was das konkret heißt, war für die verschiedenen Bereiche und Berufsgruppen ganz unterschiedlich. Deshalb haben sich alle Streikenden in den ersten Streiktagen zusammengesetzt und ihre konkreten Forderungen entwickelt. Für die Pflegekräfte war zum Beispiel eine der wichtigsten Forderungen, dass es verbindliche Mindestbesetzungen gibt und der Vorstand verpflichtet ist, bei Unterbesetzung die Arbeit zu verringern und notfalls Betten zu schließen. Die wichtigste Forderung der Reinigerinnen war, dass sie endlich nicht mehr 12 Tage am Stück arbeiten müssen. Anders als die meisten Streiks der letzten Jahrzehnte war der Streik damit kein Abwehrkampf, sondern ein offensiver Kampf.

Minderheitenstreik

Unser Streik war ein Minderheitenstreik. Wir waren in Essen durchschnittlich zwischen 200 und 350 Streikende pro Tag. Doch diese Minderheit war sehr entschlossen. Der Vorstand hat vieles versucht, um diese Entschlossenheit zu unterhöhlen und den Streik zu beenden. Er hat in Artikeln und großen Anzeigen in der Presse behauptet, der Streik würde Menschenleben gefährden. Er hat versucht, die Nicht-Streikenden gegen die Streikenden aufzuhetzen. Er hat versucht, die Streikenden untereinander zu spalten. Er hat versucht, die Streikenden zu erpressen nach dem Motto „Wir verhandeln mit euch, aber erst, wenn ihr den Streik beendet.“ Dann hat er versucht, die Streikenden über die Zeit mürbe zu machen.

Doch nichts davon hat funktioniert. Die Streikenden haben weiter durchgehalten. Und mehr als durchgehalten. Über 30 Kolleginnen und Kollegen die zum Teil vorher nie gewerkschaftlich aktiv gewesen waren haben sich aktiv an der Leitung des Streiks beteiligt, doppelt so viele an der täglichen Organisation des Streiks. Und die große Mehrheit der Streikenden hat über Wochen fast täglich bei Aktionen nach innen wie nach außen mitgemacht. Sie haben ihren Streik selber in die Hand genommen.

Über 15 Berufsgruppen

Über 15 verschiedene Berufsgruppen waren beim Streik dabei: Pflegekräfte, Servicekräfte, Reinigerinnen, Elektriker, Labor- und Röntgenassistentinnen, Erzieherinnen, Angestellte der Verwaltung und viele mehr. Gemeinsam haben sie alle an einem Strang gezogen, was im Krankenhaus etwas Besonderes ist. Denn die Hierarchien zwischen den Berufsgruppen und berufsständische Ansichten sind hier besonders ausgeprägt.

Außerdem haben Beschäftigten der Tochtergesellschaften des Uniklinikums Düsseldorf mitgestreikt. Eine Forderung unseres Streiks war, dass die Beschäftigten der Tochterfirmen endlich einen Tarifvertrag bekommen.

Über Wochen haben die Vorstände erklärt, sie würden nur über Entlastung für die Pflegekräfte verhandeln wollen, nicht aber für die anderen Berufsgruppen – und schon gar nicht über die Tochterfirmen. Sie haben versucht, die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen. Doch die Streikenden haben den Vorständen bei zig Gelegenheiten demonstriert, dass sie sich nicht spalten lassen. Und am Ende waren die Vorstände gezwungen, auch mehr Personal für die nicht-pflegerischen Berufe herauszurücken und Tarifverhandlungen mit den Tochtergesellschaften zuzusagen.

Agieren des Vorstands

Der Vorstand hat auch versucht, mit verschiedenen Verleumdungskampagnen einen Keil zwischen Streikende und Nicht-Streikende zu treiben. Doch wir sind so oft wie möglich mit vielen Streikenden durch das Klinikum gegangen und haben mit vielen gesprochen. Dabei haben wir immer wieder festgestellt, dass die allermeisten Kolleginnen und Kollegen mit unserem Streik solidarisch waren und uns unterstützen, auch wenn sie sich aus den unterschiedlichsten persönlichen Gründen nicht in der Lage sahen, mitzustreiken. Und nicht zuletzt, weil wir immer einen engen Kontakt zu den Nicht-Streikenden gesucht haben, haben die Manöver des Vorstands nicht funktioniert. Und diese ungebrochene Sympathie eines Großteils der Beschäftigten hat sicher eine Rolle dabei gespielt, dass der Vorstand trotz des Minderheitenstreiks letztlich nachgegeben hat.

Solidarität

Wir haben nicht nur von den eigenen Kolleginnen und Kollegen viel Solidarität erfahren, sondern auch von den Patient*innen und Angehörigen. Wir sind zu rund 20 anderen Krankenhäusern gefahren, zu verschiedenen anderen Betrieben, in zahlreiche Stadtteile. Und überall haben wir fast ausnahmslos Solidarität erfahren, die Menschen haben uns mit ihrer Unterschrift und teilweise auch finanziell unterstützt. Viele Arbeitende haben sich außerdem in unseren Forderungen wiedergefunden, und mehr als einer hat uns gesagt: „Bei uns ist es genauso. Wir müssten auch mal streiken.“ Dies hat allen enorm geholfen, den Streik so lange durchzuhalten.

Was erreicht wurde

Dennoch war das Kräfteverhältnis nicht einfach: ein paar hundert Streikende gegen den Vorstand, die Landesregierung und den bundesweiten Arbeitgeberverband. Umso beeindruckender ist es, was die Streikenden durch ihre Entschlossenheit und die breite Solidarität haben durchsetzen können.

  • 180 zusätzliche Arbeitsplätze pro Klinikum, darunter 40 für die nicht-pflegerischen Berufe,
  • verpflichtende Besetzungen auf den Stationen, bei deren Unterschreitung Maßnahmen bis hin zu Bettenschließungen ergriffen werden müssen
  • und Tarifverhandlungen für die Tochterfirmen.

Doch ein noch größerer Erfolg sind all die Erfahrungen, die gemacht wurden: Das Bewusstsein und Selbstbewusstsein, das hunderte Streikende gewonnen haben und der Zusammenhalt über die Berufsgrenzen hinweg, der in dem Kampf entstanden ist. All dies ist für die Zukunft und die Situation der Beschäftigten noch viel entscheidender als das materielle Ergebnis.